Die ehemalige Jakobskirche 

Die meisten Nauheimer haben schon von der verschwundenen alten "Jakobs-Kirche", einst „vor dem Dorf" gelegen, gehört, und sie können sie auch verorten, nämlich in der Nähe des heutigen Saalbaus Ruhland in der Bahnhofstraße. Die Flurbezeichnungen "Vor der Kirche" und „Unter der Kirche" beidseits der Bahnhofstraße vor der Bahnlinie lässen auch darauf schließen, dass sich an dieser Stelle eine Kirche befunden hat.

Flurkarte

Ausschnitt der Nauheimer Flurkarte

 Wo eine Kirche gebaut wurde, da sind auch Menschen, die dort wohnen, deren Häuser um die Kirche gruppiert sind, und die damit zu vermutende Siedlung hat dann auch einen besonderen Namen, der früh überliefert, aber dann später mit der Siedlung verschwunden ist. Die Wohnhäuser und Stallungen waren üblicherweise viel früher da, ehe eine Kirche gebaut wurde, und der Siedlungsname kann dann auch weit zurückreichen. Jedenfalls muss man nach einem solchen Namen suchen. Die Patronatsherren der verschwundenen Kirche waren im Spätmittelalter die Herrn von Hagen-Münzenberg und ihre Nachfolger, als einstige Verwalter von fränkischem und deutschem Königsgut entlang der anscheinend nahe dem Dorf verlaufenden frühmittelalterlichen Fern- bzw. Verbindungsstraße zwischen den Königs- bzw. Kaiserpfalzen Frankfurt, Trebur und Worms. Das verschwundene Kirchlein mag mit dem Aufkommen der Jakobsverehrung und der Pilgerwege nach Santiago de Compostela (im 9. oder 10. Jahrhundert) entstanden sein. Das Kirchlein lag ca. 25 km von Frankfurt entfernt, also eine Tagesreise für damalige Pilger an der genannten Trasse, und in Frankfurt war der bis in die Neuzeit (1944) erhaltene "Kompostellhof" im Stadtzentrum Rastpunkt der bekannten Pilgerstraßenführung Richtung Spanien. In Nauheim könnte die Jakobskapelle oder –kirche und ein eventuelles dortiges Spital eine reguläre Übernachtungsstation gewesen sein. Die Kirche damals in katholischer Zeit war dem Pilger-Apostel Jakob geweiht.

Nach dem zweiten Weltkrieg, aufgrund des Zuzugs von Heimatvertriebenen, entstand die katholische St. Jakobus d.Ä. Kirche in Nauheim. Der Flur- und Straßenname, „Unter der Muschel“ bei der neuen Kirche jedoch keineswegs an Pilger und ihre Pilgermuschel erinnert, sondern zusammen mit einem ähnlich lautenden Namen in Königstädten gedeutet werden muss (so der Historiker Prof. Dr. E. E. Metzner). Ob es sich um eine Wegekapelle, ein kleines, freistehendes religiöses Bauwerk oder Nischenheiligtum am Wegesrand gehandelt haben könnte, ist eher nicht zu vermuten. Die verschwundene mittelalterliche Kirche lag auf einem, vielleicht fünf Meter hohen Sanddünenhügel, der in Richtung von Osten nach Westen einen Durchmesser von ungefähr fünfzig Metern hatte, vielleicht weniger oder auch mehr. Dieser Hügel wurde der Totenhügel (o. ä.) genannt. Hier wurden seit ältester Zeit die Toten bei der Kirche beerdigt.

Das Aussehen dieses Kirchleins kann nur vermutet werden: wahrscheinlich im gotischen oder übergangsweise romanischen Baustil mit mässiven Mauern und kleinen Fensterflächen errichtet, einem Dachreiter alsTurm mit zwei Glocken, einem Anbau und ein schiefergedecktes Dach. Es hatte eine Apsis und ein Beinhaus war ihm angegliedert. Die Ausrichtung erfolgte traditionell nach Osten, wie die meisten aller katholischen Kirchen der damaligen Zeit.


KI-generiertes Bild der Jakobskapelle

 
 Die Kirche an dieser Stelle war zunächst auch die Kirche für das jenseits des Schwarzbachs neu gegründetem Dorf um den heutigen Ortskern von Nauheim, damals der althochdeutsche Name „Niewenheim“. Der fränkische "heim"-Name von Nauheim ist aber sicher schon spätestens im ausgehenden 8. Jahrhundert verliehen worden, weil danach keine Gründungen mit dem Element „-heim" mehr zu beweisen sind. Stattdessen sind Namen auf „-hausen" üblich geworden, wenn auch in unserem Raum aufgrund der generell früheren Besiedlung doch seltener gegeben, eher in bis dahin bewaldeten Arealen, und die Dörfer sind danach auch kleiner oder gar nicht selbständig gewesen (z. b. Sachsenhausen).

 Als das um die alte Kirche ursprünglich vorhandene Dorf aufgegeben worden war, aus welchen Gründen auch immer, lag die Kirche noch lange außerhalb des weiter bestehenden Nauheims, und die Nauheimer drängten folglich danach, eine neue Kirche in ihrem Dorf zu bauen — in evangelischer Zeit. Ein weiterer Grund war die neue Zuständigkeit der Pfarrei Laurentius-Kirche in Trebur mit einem recht weiten Anmarschweg. Der Neubau der heutigen evangelischen Kirche im „Neuen Heim" Nauheim im Jahre 1753 war aus mehreren Gründen folgerichtig und so auch der Anfang vom Ende der Kirche vor dem Dorf. Dreißig Jahre lang geschah an dem Bauwerk nichts, und es verrottete langsam, aber sicher. Sein Schicksal besiegelte sich endgültig im Jahr 1783, als man den Abbruch vollzog.

Der "Totenhügel"

Der erste Nauheimer Friedhof  bei der ehemaligen "Jakobskirche" wurde bis 1898 genutzt. Er bestand aus drei Teilbereichen. Der älteste und höchstgelegene Teil wurde Grabungsfunden 1898 nach schon seit heidnischer Vorzeit als Begräbnisplatz benutzt. 1835 wurde dieser Bereich mit Linden bepflanzt; eine besonders große, weihin sichtbare Linde ist 1898 belegt. Der Friedhof war zuerst von einem „Plankenzaun“, dann von einer Mauer mit zwei Toren umgeben. Im zweiten Friedhofsbereich, vollständig mit Grabreihen gefüllt, wurde bis 1864 genutzt. Nach Aufzeichnungen im Kirchenbuch sind über 425 Beerdigungen belegt.

Die Wege wurden 1859 gepflastert und der dritte Friedhofsteil fertig gestellt, aber erst im Januar 1864 eingeweiht. Der südöstliche Teil war für Kinder-, der nordöstliche für Erwachsenenbeerdigungen vorgesehen. Dieser Friedhofsteil war bis zur Eröffnung des Friedhofs an der Waldstraße auf dem „Feldchen" – an der Bell - 1891 Nauheimer Beerdigungsplatz. Die Bürger erreichten den Friedhof über den Fußweg „Bachsteg“ oder über die 1845 verbreiterte und gepflasterte „Vicinalstraße nach Trebur", der heutigen Bahnhofstraße, an der neben dem Friedhofsgelände 30 Kirschbäume standen, die 1847 gepflanzt wurden.

Der Friedhofshügel (Totenhügel, Kirchhügel) hatte eine Höhe von etwa fünf Metern über der Bahnhofstraße. 1898 wurde der Totenhügel zur Baulandgewinnung abgetragen. Der Abraum wurde verteilt in das tiefer gelegene Neubaugebiet Wilhelm-Leuschner- und August-Bebel-Straße südlich des Friedhofgeländes.

Der „Saalbau Ruhland", in der Bahnhof-Straße 36, wurde 1899 an dieser Stelle erbaut.

 

Totenhügel mit Jakobskirche

Totenhügel-Modell (M 1: 200) von 1856, erstellt von Erwin Kaul (1997);
Datenermittlung: Harald Hock, Richard Kaul, Wilhelm Kuhlmann


Quellen:  Prf. Dr. E.E. Metzner,
Harald Hock, Erwin Kaul, Richard Kaul, Wilhelm Kuhlmann,
Nauheimer Chronik I